LSD Yoga: Long, Slow, Deep

Ich atme ein, ich atme aus. So gleichmäßig wie möglich und so tief wie nötig. Mit geschlossenen Augen liege ich flach auf dem Rücken. Der Mattenboden ist angenehm hart. Eine Stimme sagt „Dein linker Unterschenkel ist entspannt“. Ich gehe mit meiner Aufmerksamkeit zu der Stelle, die ich als meinen linken Unterschenkel definiere und versuche jegliche Anspannung und Anstrengung aufzulösen. Ich atme weiter.

Meine Gedanken wollen fliehen: Immer wieder schießen blitzartig Dinge durch mein Bewusstsein, die eine innere Unruhe befeuern und mich ablenken. Mein Kontostand, die letzte Unterhaltung mit meiner Ex, der neue Laufschuh, der kommende Herbstanfang – Gedanken, zusammenhängend nur in ihrer Absicht mich nicht zur Ruhe kommen zu lassen. „Deine gesamte Gesichtsmuskulatur entspannt sich“. Ich nehme die Stimme wahr und versuche mein Gesicht zu entspannen. Zuerst meine Augenpartie, dann mein Kiefergelenk und schließlich meinen Mund. Ich lächele bewusst. In diesem Moment bin ich glücklich.

Der Lärm meiner Gedanken sind für einige Sekunden nur noch als Hintergrundrauschen wahrnehmbar. Eine weit entfernte Autobahn an der man sich stören kann, aber nicht muss. Und ich will mich gerade nicht an ihr stören. Es ist ein innerer Dialog mit mir selbst. Es ist als ob verschiedene Persönlichkeitsanteile an mir zerren und um meine Aufmerksamkeit buhlen. Ich stelle mir vor die störenden Gedanken und ich würden tauziehen – ein ewiges hin & her, aber jetzt, genau hier, treffe ich die Entscheidung das Tau loszulassen. Ich stelle mir vor wie die Gegenseite ins taumeln gerät und schließlich übereinander purzelnd das Gleichgewicht verliert. Ich hingegen habe mein Gleichgewicht wiedergefunden. Mein Lächeln ist noch da. Und dann ist die Yoga-Stunde vorbei.

Ich laufe wieder. Seit einer Woche kann ich endlich wieder da tun, was mich ausmacht, worüber ich mich ausdrücken und definieren kann. Es ist wie einen alten Freund wiederzutreffen. „Hey, lange nicht gesehen“ und dann nach kurzer Zeit ist alles wieder wie früher: Vertraut, unangestrengt, schön. Ergänzend zum Laufen besuche ich nun Yoga-Stunden. Mein Lieblingskurs ist der am Freitagabend, LSD Yoga. LSD steht für Long, Slow, Deep. Allein der Name macht mir schon gute Laune und ich frage mich, ob sich da jemand einen Scherz erlaubt hat. Beim Yoga geht es nicht um Leistung. Es geht nicht darum „besser“ zu werden. Das einzige Ziel ist es deinen Körper zu entdecken, Grenzen auszuloten und zu akzeptieren. Beweglicher wird man automatisch. Und so ist es beim Laufen auch. Long, Slow, Deep – das könnte auch das Mantra eines Ultraläufers sein.

Über 100 km bin ich letzte Woche gelaufen. Davon ungefähr die Hälfte in Begleitung einer Laufgruppe oder Bekannten. Ich spüre wie ich mein inneres Geleichgewicht wiederfinde, ruhiger werde und die Anwesenheit anderer Menschen nicht mehr als so anstrengend wie sonst empfinde. Ich werde in zwei Wochen den Berlin Marathon als gemütlichen langen Lauf genießen, ganz nach dem Motto Long, Slow, Deep. Die Bestzeit kann auch nächstes Jahr noch verbessert werden.

Die Hüftproblematik kam meines Erachtens übrigens nicht in erster Linie durch schlicht „zu viel“ laufen, sondern durch ein Lauftechnikdetail: Ich habe vor einigen Monaten das Vor- und Mittelfußlaufen begonnen. Anstatt diese neue Technik schrittweise einzuführen bin ich nur noch mit der neuen Technik gelaufen. Jetzt, wo ich wieder darauf achte, dass der Fuß vernünftig abrollt, ich hauptsächlich mit dem Mittelfuß aufsetze und das Vorfußlaufen auf schnelle Einheiten begrenze, habe ich keine Probleme mehr.

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