Mantras in Berlin

Ich bin glücklich. Mir geht’s gut. Ich bin glücklich. Mir geht’s gut. Ich bin glücklich. Mir geht’s gut.

Zwei Sätze für 42,195 Kilometer. Hunderte Male sage ich mir diese Sätze in meinem Kopf auf. Was erst mal, zugegebenermaßen, stupide und monoton klingen mag, ist ein sehr wirkungsvolles Instrument beim Laufen (und darüber hinaus). Ich meine: Das Laufen selbst ist vielleicht nicht stupide, aber doch äußerst monoton. Zumindest wenn man es für Stunden am Stück betreibt.

Ich bin glücklich. Mir geht’s gut. Diese zwei Sätze habe ich bei einer kurzen Meditationsphase in einer der letzten Yoga-Stunde gelernt. Kompliziert ausgedrückt: Diese Sätze sind positive Affirmationen, die der Autosuggestion dienen. Nach dem Motto „fake it ‘till zu make it“ sind diese wiederholten positiven Gedanken dazu da, die tatsächlich empfundene und möglicherweise als belastend und anstrengend wahrgenommene Realität positiv zu beeinflussen. Vor einigen Jahren hätte ich abgewunken und „Hippiekacke“ gesagt. Zeiten ändern sich. Und letztes Wochenende war es Zeit für den Berlin-Marathon.

Mein letzter Straßen-Marathon in Hamburg verlief alles andere als optimal – nach der Hälfte lag ich entkräftet und demotiviert am Straßenrand – so dass ich dieses Mal sicher gehen wollte mit der richtigen Einstellung an der Start zu gehen. Ein paar Punkte, die ich mir vorgenommen habe…

  • Die Emotionen und die Euphorie im Schach halten. Nicht zu viel nach links und rechts gucken. Gerade am Anfang konzentriert laufen, einen Rhythmus finden.
  • Sich zwingen positiv zu denken z.b. mit Hilfe von sich wiederholenden Mantras.
  • Nicht zu weit voraus denken – immer nur im Moment sein. Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation.
  • Wenn es schwer wird die Herausforderung annehmen. Dafür ist man hier. Es war klar, dass es nicht einfach wird. Umso bedeutender wird das Rennen im Nachhinein für einen sein.

Wie immer setze ich mir nicht nur ein, sondern mehrere Ziele. Somit kann ich, falls ein Ziel außer Reichweite geraten sollte, immer noch ein weiteres Subziel erreichen. Und Motivation kann man beim Marathon nie genug haben. Meine Ziele sind die folgende:

A-Ziel: Unter 3:40 – neue Bestzeit laufen.
B-Ziel: Unter 4:00 – guten Trainingsmarathon absolvieren.
C-Ziel: Ankommen – Hauptsache finishen, Zeit egal.

Mein A-Ziel hat sich erst in den letzten Tagen vor dem Marathon herauskristallisiert. Trotz oder vielleicht gerade wegen der längeren Laufpause im Sommer fühle ich mich in den zwei Wochen vor dem Rennen sehr gut. Ich absolviere einen 18 Kilometer-Lauf im 5:00er-Schnitt und kann am Ende sogar noch zwei Kilometer Endbeschleunigung ranhängen. Da dämmert es mir: Wenn ich dieses Tempo ohne Wasser und Verpflegung für 18 Kilometer schaffe, kann ich das vielleicht auch mit Wasser, Energiegels und der motivierenden Wettkampfatmosphäre über 42 Kilometer schaffen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. No risk, no fun.

Dieser Lauf bedeutet mir viel in dieser Phase meines Lebens. Ich möchte mir beweisen, dass ich stabil bin. Ich möchte mir beweisen, dass ich stark bin. Ich möchte den letzten verkorksten Marathon toppen. Und zwar deutlich.

Ich stehe im Block F. Hier sind alle Läufer mit einer Zielzeit von 3:30 Stunden versammelt. Es ist 9:27Uhr Ortszeit. Startschuss. Es geht los. Ich laufe locker, entspannt und leicht. Ich bin glücklich. Mir geht’s gut. Regelmäßig gucke ich auf meine Uhr um mein Tempo zu überprüfen. Jeder Kilometer gibt mir mehr Sicherheit. Glücklich. Gut. Bei Kilometer 10 fühle ich mich super. Bei Kilometer 20 fühle ich mich blendend. Und immer noch bin ich voll auf Kurs. Konzentriert bleiben, nicht abheben, nicht gierig werden. Das heißt noch gar nichts. Ab Kilometer 26 dann zum ersten Mal ein leise Ahnung von den bevorstehenden Anstrengungen. Meine Oberschenkelmuskeln machen sich bemerkbar. Mein Puls steigt. Meine Kraftreserven schwinden. Ruhe bewahren. Entspannen. Ich bin glücklich. Mir geht’s gut. Jetzt durchbeißen. Nicht denken, nur laufen. Ich geht’s glücklich. Mir bin gut. Fuck, wie ging dieser verdammte Satz noch? Ich bringe die Wörter durcheinander. Noch zwei Kilometer. Ich kann nicht mehr. Meine Haltung wird schlechter. Jeder Schritt tut weh. Warum tu ich mir das an? Ich bin glücklich! Nein, bin ich nicht! Doch dann: Das Brandenburger Tor und kurz dahinter das Ziel. Endspurt. Hände hochreißen, lächeln, geschafft. Mir geht’s gut.

Ich habe eine neue persönliche Bestzeit erreicht und das ohne ernsthafte Vorbereitung auf den Marathon. Die Kraft der Gedanken haben mich ein Stück weit ins Ziel gebracht. Beim Laufen erprobt, im Leben angewandt: Ich möchte Mantras zu einem festen Teil meiner Selbstverbalisation machen. Wie ich mit mir rede – das kann ich beeinflussen. Und was ich mir selbst sage beeinflusst mein Denken und mein Fühlen. Ich bin glücklich. Mir geht’s gut. Hippiekacke hin oder her.

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