Laufen als Krisenverstärker

Seitdem ich das Laufen als meinen persönlichen Weg aus Krisen und schwierigen Zeiten ausgemacht habe, scheint folgende Formel als der Wegweiser über allem zu stehen:

Krise + Laufen = Linderung

So einfach ist es aber nicht immer. Die letzten Wochen haben mich häufig vor eine neue Herausforderung gestellt. Denn was passiert wenn das Laufen die Krise verstärkt? Was ist wenn das Laufen durch die Krise so stark beeinflusst wird, dass sich keine positiven Effekte einstellen?

Ein geschenkter Tag. Von Zweifeln und Sinnfragen zerfressen schlurfe ich von meiner Arbeit in Richtung Wohnung. Seit Tagen denke ich nur noch ans aufhören, abhauen, Schluss machen. Der Gedanke an meinen Trainingsplan, der mir für heute ein hartes Intervalltraining vorgibt, macht mir Angst. Ich fürchte mich geradezu vor diesem Lauf, keine Vorfreude, keine Lust. Aber wie oft wurde ich schon eines besseren belehrt: Wenn man erst einmal losläuft wird es schon werden…

Ich schnüre mir die Schuhe, lege meinen Brustgurt und meine Laufuhr an und trabe in Richtung Aschebahn, auf der ich meine Tempoeinheiten neuerdings absolviere. Der Weg dorthin ist von lautstarken Diskussionen in meinem Kopf geprägt. Wie wird es sich gleich anfühlen? Wirst du schon nach einer Runde leiden? Bist du überhaupt ein richtiger Läufer? Bist du nicht einfach zu schlecht, zu träge, zu untalentiert? An der Aschebahn angekommen, lasse ich keine Zeit vergehen, drücke die Starttaste meiner Uhr und laufe das erste von 10 1000m-Intervallen in etwa 4:00min/km Geschwindigkeit. Dazwischen gibt es lediglich 200m Erholung, die aber auch eher flott gelaufen werden sollen, damit der Puls nicht zu weit runtergeht. Eine für mich recht harte Vorgabe. Der Wind bläst unnachgiebig über die Bahn, so dass ich die eine Hälfte der Runde das Gefühl habe einen Traktor ziehen zu müssen. Die Aschebahn ist in den Kurven mit schlammigen Pfützen versehen. Der Himmel ist grau. Und ich laufe und laufe. Die ersten Runden verstreichen wie in Zeitlupe. Mein Puls ist an der Laktatschwelle angelangt, da wo er hin soll. Ich fange an mich über die Umstände zu ärgern. Warum ist das so anstrengend? Wieso ist es immer so windig wenn ich hier bin? Warum hat mein Stadtteil keine richtige Tartanbahn ohne Pfützen? Warum laufe ich nicht besser? Und wie viele Runden noch?!? Ich kann nicht. Ich will nicht. Ich hasse das Laufen. Nach 7 Intervallen bleibe ich entnervt stehen und schreie laut das F-Wort. Unter keinen Umständen kann ich das jetzt weitermachen. Ich bin so schwach, ich möchte einfach nur noch liegen. Ich fühle mich wie ein Verlierer.

Zuhause angekommen falle ich in ein tiefes Loch. Das was mich stark macht, das was mir Spaß und Freude vermitteln sollte, hat nicht funktioniert. Ganz im Gegenteil: Es hat alles nur noch verschlimmert. Ich verzweifle an mir selbst und an meiner Unfähigkeit das Training „trotz allem“ und „jetzt erst Recht“ durchzuziehen. Ist es nicht das was ich mir durch Marathons und Ultramarathons angeeignet habe? Resilienz? Durchhaltevermögen? Ist es nicht das was ich mir auf mein Handgelenk tätowiert habe? Endurance? Sind das alles leere Phrasen? Bin ich ein Hochstapler, der, wenn es drauf ankommt, umkippt wie gefällter Baum?

Ich habe noch nicht alle Antworten auf diese Fragen. Aber folgende Punkte sind mir aufgefallen:

1. Man sollte sein Selbstwertgefühl nicht von der körperlichen Leistungsfähigkeit an einem bestimmten Tag abhängig machen. Es gibt gute und es gibt schlechte Tage.
2. Generell sollte man sein Selbstwertgefühl nicht vom Laufen abhängig machen.
3. Wenn es einem psychisch nicht gut geht und der Körper unter Stress steht wirkt sich das negativ auf die physische Leistungsfähigkeit aus. Man sollte das berücksichtigen und rücksichtsvoll mit sich umgehen. Zum Beispiel könnte ich sagen: Dafür, dass du in so schlechter Stimmung warst hast du immerhin 7 Intervalle durchgezogen! Super!
4. Man muss immer wieder versuchen seine Aufmerksamkeit zu lenken, weg vom negativen hin zu etwas anderem. Wenn es zum Beispiel windig ist, richte die Aufmerksamkeit auf die schönen Bewegungen der Wolken und der Bäume usw.

Ich lerne und lerne und laufe und laufe. To be continued.

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