Der Nachbar

Wer sagt: „Ich kann nicht“, der will nicht.

Es war im Mai und es war einfach einer dieser Tage. Aber von vorne: Ich stehe mit einer Tasse Tee am Küchenfenster. Der alte Mann aus dem Haus gegenüber putzt sein Auto. Er tut dies bis zu zweimal in der Woche. Es ist ein Mercedes. Die Bäume und Häuser spiegeln sich auf dem makelosen hellgrauen Lack. Er fährt das Auto so gut wie nie.

Nur zum saubermachen setzt der Mann sein Auto drei Meter zurück, zieht dann vor dem Garagentor stehend die Handbremse an und holt den Eimer, die Lappen und Schwämme vom Stehregal aus dem hinteren Teil der Garage. Seine Frau sitzt im Rollstuhl. Sie bekommt in letzter Zeit fast täglich Besuch von einem Rettungswagen. Mal sind es die Johanniter, dann wieder die Arbeiter-Samariter, etwas seltener auch die Sanitäter des Roten Kreuzes. Meine Gedanken schweifen ab. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Tee und lenke meine Aufmerksamkeit wieder auf den Mann, der jetzt ausgiebig den linken Rückspiegel seines Wagens poliert. Aber ich sehe noch etwas. Es sind zwar nur grobe Konturen und die schlechten Lichtverhältnisse lassen es mich nur erahnen, aber dort in der Spiegelung meines Küchenfensters, da stehe ich. Ich fokussiere meine Augen auf mein Spiegelbild. Schließlich sehe ich durch mich hindurch, während sich der alte Mann mittlerweile dem Blankputzen der rechten vorderen Felge verschrieben hat. Es ist ein Bild in einem Bild, mein Körperumriss ist der Rahmen für die Autowashanfälle des Rentners aus dem Haus gegenüber.

Ich habe zu viele Conor Oberst-Songs gehört, um in dieser scheinbar bedeutungslosen Alltagsszenerie nicht eine bedeutungsschwangere Symbolik zu erkennen. Ich bin der alte Mann, der sein Auto wäscht. Immer und immer wieder. Die Routine bestimmt seinen und meinen Tages- und Wochenrhythmus. Es mag ihn erfüllen, vielleicht ist er sogar glücklich. Aber geht es mir auch so? Der Punkt ist: ICH wasche ungern Autos, ich habe ja noch nicht mal eins. Aber ich gehe täglich Dingen nach, die ich eigentlich nicht tun will. Es befinden sich Dinge in meiner Lebensgarage, die ich dort nicht mehr haben möchte und ich möchte mehr vom Leben als den Status Quo zu verwalten, bzw. den verdammten imaginären Mercedes zu putzen. Ich muss raus aus meinem Job, der mich nervt. Raus aus der Ausbildung, die mich für einen Beruf ausbildet, den ich nicht mehr ausüben möchte. Raus aus der Stadt, die mich mit ihrem Lärm und Gewühl krank macht.

Fünf Tage später. Ich habe gerade meine beiden Jobs und meine Ausbildung gekündigt. Ich habe sämtliches Geld zusammengekratzt und habe mir ein leichtes Zelt gekauft. Die Idee kam schnell und die Entscheidung ist noch schneller gefallen: Ich durchquere Deutschland von Süden nach Norden zu Fuß. Entlang des Europäischen Fernwanderwegs 1 werde ich 1500 km und über 30.000 Höhenmeter alleine bewältigen. Warum? Warum nicht! Die Ausrede „Ich würde ja gerne mal, aber ich kann nicht, weil ich… a) niemals so lange Urlaub nehmen könnte b) meine Freundin mit mir 2 Wochen Strandurlaub machen möchte c) sich ja auch jemand um den Hund kümmern muss oder oder oder“ zählen nicht mehr. Wer will, der kann. Ganz einfach. Und ich will mein Leben offensiv angehen und gestalten. Vielleicht zum ersten Mal. Es ist gar nicht leicht auszusteigen. Sämtliche sozialen Sicherungssysteme, sei es familiärer und staatlicher Natur, zeigen sich besorgt und raten davon ab. Die Krankenkasse muss ja bezahlt werden. Was ist mit der Rente, der Miete, DER KARRIERE!?

Das Laufen ist wieder einmal ein Instrument zur Selbstbehauptung in einer Welt voller Fremdbestimmung geworden. Es geht um Autonomie und Kontrolle, vielleicht auch um kindliche Unreife oder Narzissmus. Aus welcher Perspektive man es auch betrachtet, es ist ein mutiges Wagnis. Ein Abenteuer mit offenem Ende. Das war im Mai. Und es war einfach einer dieser Tage.

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2 Gedanken zu “Der Nachbar

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